Franz-Werfel-Menschenrechtspreis 2003

Berthold Kohler, Journalist

Rede zur Verleihung des Franz-Werfel-Menschenrechtspreises am 29. Juni 2003 in der Frankfurter Paulskirche

Am 11. September des Jahres 2001 haben islamistische Terroristen zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers in New York gestürzt, ein anderes in das Pentagon. Die Welt hielt an diesem Tag den Atem an. Danach waren auch wir Deutsche für einige Zeit Amerikaner. Der Bundeskanzler erklärte sich unbeschränkt solidarisch mit der amerikanischen Nation. Sein Land stimmte ihm fast ungeteilt zu.

Nur ein Dreivierteljahr später hatte sich die deutsche Gefühlslage gegenüber Amerika grundsätzlich gewandelt. Der Bundeskanzler warnte nun vor amerikanischem Abenteurertum, und wieder meinten die meisten seiner Bürger, er habe recht. In den Straßen Deutschlands erhob sich eine neue, alle Schichten der Gesellschaft ergreifende Friedensbewegung, die dem Verbündeten Amerika nicht mehr traute. Das deutsch-amerikanische Verhältnis, das nach dem Zweiten Weltkrieg so eng geworden war, schien plötzlich die größtmögliche Entfernung in der politisch-kulturellen Gemeinschaft zu beschreiben, die man früher „den Westen“ nannte. Konnten sich die Amerikaner, die Deutschen oder die Amerikaner und die Deutschen in dieser vergleichsweise kurzen Zeit so geändert haben? Ich glaube nicht. Die Metamorphose dieser Beziehung war im Gegenteil nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, daß die Deutschen auch in einer veränderten Weltlage ihrer Gesinnung treu blieben.

Deutschland hat den 11. September und die zwei Kriege, die Amerika in seiner Folge führte, in erster Linie vom Standpunkt der Moral aus beurteilt. Der Angriff auf Amerika konnte entsprechend nur tiefstes Entsetzen hervorrufen, weil klareres Unrecht nicht vorstellbar war: Aus heiterem Himmel heraus wurden Tausende unschuldiger Frauen, Kinder und Männer getötet; für aufgeklärte Gesellschaften ist nichts denkbar, das als Rechtfertigung für einen solchen barbarischen Akt dienen könnte.

Die Beurteilung des Feldzugs gegen das Taliban-Regime fiel dagegen schon zwiespältiger aus; insgesamt setzte sich in der öffentlichen Debatte aber die Argumentation durch, die in dem Schlag gegen die Terror-Basis Afghanistan eine nach den Regeln des klassischen Völkerrechts berechtigte Maßnahme der Notwehr und Gefahrenabwehr sah.

In der Irak-Debatte aber ist das von einer überwältigenden Mehrheit der Deutschen kategorisch in Abrede gestellt worden. Diesen Krieg hat für die meisten Deutschen nichts rechtfertigen können: nicht die chronische Mißachtung des Willens der Völkergemeinschaft durch Saddam Hussein; nicht die damals auch von Berlin, Paris und den Vereinten Nationen als real betrachtete Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen; und auch nicht Saddams menschenverachtendes Regime, dem Zehntausende, wahrscheinlich eher Hunderttausende Iraker zum Opfer gefallen waren, und jeden Tag weiter zum Opfer fielen.

Warum spreche ich hier über Deutschland und Amerika, über Afghanistan und den Irak? Weil die Fieberkurve des deutsch-amerikanischen Verhältnisses als aktuelles Beispiel dafür dienen kann, wie stark kollektives Erleben in der Vergangenheit Empfinden und Bewußtsein einer Gesellschaft beeinflußt und den Rahmen für ein politisches Handeln vorgibt, das ohne Kenntnis dieser Geschichte, auch der Emotionsgeschichte, nur unvollständig zu verstehen und zu würdigen ist. Die deutsche Reaktion auf die weltpolitischen Ereignisse der vergangenen zwei Jahre ist über alle Parteigrenzen hinweg von einer Grundüberzeugung bestimmt worden: daß Krieg und kriegerische Akte nicht Mittel der Politik sein dürfen, weil damit inakzeptables Leid über unschuldige Menschen gebracht wird. Die deutsche Haltung zum Krieg wie auch die vieler anderer Europäer wird auch noch im beginnenden 21. Jahrhundert maßgeblich von der traumatischen Erfahrung des industrialisierten, total entfesselten Krieges beherrscht, mit dem Hitler-Deutschland die Welt überzog. Amerika und Europa haben im Streit über die Irak-Politik Fehler begangen; einer der größten der Amerikaner dürfte es gewesen sein, die psychologischen und politischen Nachwirkungen der europäischen Bürgerkriege aus dem vergangenen Jahrhundert unterschätzt, vielleicht auch nicht ganz verstanden zu haben. Das Verhalten des sogenannten „new Europe“ widerlegt diese These übrigens nicht: daß Polen in einer Zeit, in der – berechtigt oder nicht – von einer deutsch-russischen Achse gesprochen wurde, einen besonders engen Schulterschluß mit Amerika suchte, erklärt sich ebenfalls aus seiner historischen Erfahrung.

Doch zurück zu den Deutschen. Krieg ist für uns kein Mittel der Politik mehr, sondern der Ausweis von politischem und moralischem Versagen. Das Land, aus dem dieser Meister kam, verabscheut ihn zutiefst aus intimer Kenntnis. Die kategorische Distanzierung der Deutschen zum Krieg wird bestimmt und erst vollständig verständlich durch die Doppelerfahrung des anderen zugefügten und in der Folge selbst erlittenen Leids. Aus welchen Teilen der Welt die Bilder von Krieg, Völkermord und Vertreibung auch stammen, die mit der täglichen Nachrichtenflut in unsere Wohnzimmer gespült werden: In Deutschland weiß man, was sie bedeuten. Sie wecken Erinnerungen, die auch nach Jahrzehnten noch schmerzen. In vielen Briefen, die ich von Lesern unserer Zeitung nach dem 11. September erhielt, und aus denen tiefes Mitgefühl mit den Amerikaner sprach, kam der Schrecken der selbst erlebten Bombennächte vor, allerdings auch der damit verbundene schmerzliche Erfahrungsvorsprung: Bisher, so hieß es mitunter sogar wörtlich, hätten die Amerikaner ja nicht gewußt, was es bedeute, bombardiert zu werden. In der öffentlichen Debatte über Krieg und Frieden im Irak spielte dieser jedenfalls behauptete Erfahrungsunterschied und die daraus gezogenen Schlüsse eine nicht unwesentliche Rolle. Das „alte“ Europa fühlte und fühlt sich der Sturm-und-Drang-Macht Amerika in Erfahrung und daraus erwachsener Moralität haushoch überlegen.

Das nehmen besonders wir Deutsche für uns in Anspruch. Wir haben unsere Lektion gelernt. Sie ist in das Fundament der deutschen Nachkriegsdemokratie eingegossen und von Generation zu Generation weitergegeben worden. Doch die gesellschaftliche Erzählung beschränkte sich lange Zeit auf die eine Seite des Traumas, die des Täters. Dafür gab es Gründe. In der in Trümmern liegenden Welt von 1945 war die deutsche Schuld übermächtig. In einer Zeit, in der die Deutschen unter dem Kollektivverdacht der Unmenschlichkeit und Unbelehrbarkeit standen, hätte die intensive Beschäftigung mit dem Leid, das sie selbst erfahren hatten, als Relativierungsversuch und als Infragestellung des Verhältnisses von Ursache und Wirkung gelten müssen. Nicht nur in den ehemals von Deutschland besetzten Ländern ist das Leid, das die Deutschen durch Bombenkrieg und Vertreibung erlitten, als gerechte Strafe für Hitler verstanden worden; auch in Deutschland selbst wurde dieses Urteil geteilt angesichts des monströsen Verbrechens, das im deutschen Namen verübt worden war. Jeder wußte und weiß, wer mit dem Bombardieren, Besetzen, Morden und Vertreiben angefangen hat. Konnte und kann man sich da beschweren, daß die Geschichte doch so etwas wie einen Gerechtigkeitssinn haben sollte?

Es ist hier schon gesagt worden, doch ich wiederhole es: Ohne Hitlers rassistischen Vernichtungskrieg hätte es die fast vollständige Vertreibung der Deutschen aus Mittel- und Osteuropa in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts nicht gegeben. Aber der Verweis auf das vorausgegangene Unrecht macht aus dem nachfolgenden Unrecht keinen Akt der Gerechtigkeit. Nach unserem Rechtsverständnis läßt sich Vertreibung mit nichts rechtfertigen. Bundeskanzler Schröder hat diesen Konsens in dem Satz zusammengefaßt: „Vertreibung, daran kann es keinen Zweifel geben, ist stets ein Unrecht“. Das zeigt sich immer dann unmittelbar, wenn man das Reich der Kollektivvorwürfe und –behauptungen verläßt und sich der Ebene der Individuen zuwendet, die die Vertreiber aller Herren Länder scheuen, weil dort die kollektive Schuldzuweisung zusammenbricht. Einer solchen zufolge wären etwa die Sudetendeutschen mit Recht vertrieben worden, weil sie ihren Staat, die Tschechoslowakische Republik, an einen Diktator verraten hätten, der seinerseits Mord und Vertreibung über das besetzte Land brachte. Abgesehen davon, daß nicht nur das Jahr 1945 eine Vorgeschichte hatte: Entrechtet und vertrieben worden sind nach dem Krieg nicht nur Gauleiter, SS-Schergen und andere glühende Nationalsozialisten, sondern unterschiedslos und ohne Prüfung ihrer individuellen Schuld alle, die als „Deutsche“ deklariert wurden, auch Kinder und Greise, unpolitische Bürger und Hitlergegner. Enteignet wurden auch jüdische Überlebende der Konzentrationslager, die der deutschen Minderheit zugerechnet worden sind.

Mit diesen Schicksalen und diesem Unrecht hat sich auch und vor allem die deutsche Öffentlichkeit lange nicht beschäftigen wollen, denn auch bei uns wäre dann das Urteil „Das haben die doch verdient“ ins Wanken geraten. Berichteten Vertriebene vom Trauma des Heimatverlusts, beriefen sie sich auf die Unveräußerlichkeit auch ihrer Menschenrechte, dann wurde das allzu oft als verlogener Revisionismus niederkartätscht, und zwar blockübergreifend: Der angebliche, zumindest potentielle Revanchismus, der den Vertriebenen im Westen oft unterstellt oder sogar offen vorgeworfen wurde, diente den kommunistischen Herrschern im Osten zur Stabilisierung ihrer Regime; allerdings leisteten dem auch manche Vertriebene und ihre Vertreter mit unklaren, aber auch klaren, oft genug unrealistischen Forderungen Vorschub. Spätestens nachdem die Schlachten um die Ostpolitik Willy Brandts geschlagen waren, meinte im Westen jedoch kaum jemand, sich mit dem Phänomen Vertreibung noch einmal beschäftigen zu müssen. Weil die These richtig ist, daß es ohne Hitler keine Vertreibung gegeben hätte, wurde im Umkehrschluß angenommen, daß es ohne Hitler auch keine Vertreibung mehr geben werde. Das aber ist falsch, wie wir inzwischen wissen.

Vertreibung war auch im ausgehenden 20. Jahrhundert noch Mittel der Politik, und das mitten in Europa, zwischen Italien und Griechenland. Der Nationalismus, in dem der Ungeist des „ethnisch reinen Volkskörpers“ wurzelt, füllte vielerorts in atemberaubender Geschwindigkeit das gesellschaftspolitische Vakuum, das mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaftssysteme und Ordnungsideen entstanden war. Fast über Nacht verschwand auf dem Balkan die Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit: Die Fotos der Vertriebenen- und Flüchtlingstrecks aus dem Kosovo waren, wenn sie in Schwarzweiß vorlagen, kaum von den Aufnahmen zu unterscheiden, die vor knapp sechzig Jahren in Schlesien oder Ostpreußen entstanden waren. Mit dem jeden Abend vom Fernsehen übertragenen Elend der Albaner, Kroaten, Slowenen und auch Serben wurde auch das Leiden von 15 Millionen Deutschen in Erinnerung gebracht – und vielen erst bewußt gemacht. Die moralische Erschütterung, die von Miloševićs MilosMMiloevics Politik der sogenannten „ethnischen Säuberung“ ausging, führte dazu, daß sich die deutsche Öffentlichkeit erstmals mit dem Schicksal der eigenen Vertriebenen auseinandersetzen konnte, ohne daß die Behauptung einer politischen Instrumentalisierung in den Vordergrund der Debatte rückte. Das war auch deswegen möglich, weil die politische und gesellschaftliche Linke sich mit neuer Offenheit dem Thema zuwandte, und weil Intellektuelle und Schriftsteller wie Günter Grass zeigten, daß die Wahrnehmung und menschliche Würdigung der Opfergeschichte der Deutschen vollkommen frei sein kann von dem Versuch, sie gegen die Verbrechen der Nationalsozialisten aufzurechnen oder diese dadurch wie auch immer zu relativieren.

Daß die Gefahr der Relativierung besteht, und daß ihr auch Wohlmeinende ausgesetzt sind, zeigte die Argumentation der Bundesregierung im Verlauf des Kosovo-Krieges. Das erste Kabinett Schröder mußte – kaum im Amt – begründen, warum Deutschland sich erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg an einer militärischen Intervention beteiligte, die den vierten Vertreibungskrieg auf dem Balkan stoppen sollte, ohne UN-Mandat. Zwei Bundesminister rechtfertigten das mit Bezug auf Auschwitz. Welch Mißgriff! So furchtbar Miloševićs Herrschaft auch war, und so richtig es gewesen ist, ihm endlich in den Arm zu fallen: mit Auschwitz läßt sich sein Verbrechen nicht vergleichen, ebensowenig wie sich die Vertreibung der Deutschen mit der Vernichtung des europäischen Judentums auf eine Stufe stellen läßt, weder in der Geschichte noch im Gedenken.

Aber nicht nur Krieg und Holocaust, auch die Vertreibung und der gesellschaftliche Umgang mit ihr gehören zu den kollektiven Erfahrungen, welche die Gemeinschaft des neuen demokratischen Deutschland formte und prägte. Wer diese Land verstehen will, der darf auch der Konfrontation mit diesem Teil der nationalen und europäischen Geschichte nicht ausweichen. Die soziale, wirtschaftliche und auch politische Integration der Heimatvertriebenen gehört zu den großen Leistungen der Bundesrepublik; wahrscheinlich ist sie sogar mit der Überwindung der Teilung auf eine Stufe zu stellen. Die Vertriebenen brachten aber nicht nur ihren Fleiß, ihr Talent und ihren Aufbauwillen mit, sondern auch das Trauma der Entrechtung und des Identitätsverlusts. Diese Mitgift ist in ihrer neuen Heimat aber auch dann noch nicht willkommen gewesen, als die Vertriebenen schon lange als reibungslos funktionierende Bürger und Mitbegründer des Wirtschaftswunders akzeptiert wurden. Das Recht, ihren Schmerz über den Verlust ihrer Lebenswelt zu äußern, wurde ihnen nicht zugestanden. Man hat ihnen die Humanität des Mitempfindens, ja sogar des einfachen Zuhörens verweigert, auch aus der Angst heraus, das könne als eine Art moralische Aufrechnung gegen die Verbrechen der Hitler-Barbarei verstanden werden, gar als Verharmlosung des Holocausts. So ist ein Graben geblieben, der mitten durch Deutschland verläuft, und der trotz der jüngsten Debatte über Krieg und Vertreibung noch nicht zugeschüttet ist. Zugeschüttet, wenigstens überbrückt werden aber muß er.

Denn ohne die Bereitschaft, den Schmerz und die individuelle Unrechtserfahrung der Vertriebenen anzuerkennen, ohne eine Versöhnung im eigenen Land wird auch der Versöhnungsprozeß mit den Nachbarn in Osten, der den inneren Verhältnissen in Deutschland oft schon vorausgeeilt ist, unvollständig bleiben, wird ihm die verläßliche Basis fehlen. Das vom Bund der Vertriebenen ins Leben gerufene Projekt eines „Zentrums gegen Vertreibungen“ könnte Wegbereiter und Förderer eines solchen inneren Friedensschlusses sein. Seinen Sinn, der Ächtung der Vertreibung in aller Welt zu dienen, kann ein solches Zentrum nur erfüllen, wenn es die europäischen und auch außereuropäischen Vertreibungsfälle zusammenführt und die in ihnen wiederkehrenden nationalistischen Denkmuster, aber auch die Unterschiede identifiziert. Die einzelnen Kapitel des Jahrhunderts der Vertreibungen können nicht isoliert betrachtet werden, weil, wie Václav Havel gesagt hat, das Böse hochgradig ansteckend war. Da die Vergangenheit auch noch in einem Europa, das seinen Blick unbeirrbar in die Zukunft richten will, ein Politikum darstellt, ist ein solches Zentrum ohne die Einbeziehung unserer Nachbarn nicht vorstellbar. Ihnen muß verdeutlicht werden, daß es nicht wieder um die Erhebung eines Kollektivschuldvorwurfs geht, diesmal in der Gegenrichtung.

So wichtig und unerläßlich die europäische Ausrichtung des Projekts aber auch ist: Seine Bedeutung für den notwendigen innerdeutschen Verständigungs- und Befriedungsprozesses darf dabei nicht übersehen werden. Weil es ihm als Katalysator dienen könnte, sollte das „Zentrum gegen Vertreibungen“ in Deutschland, in seiner Hauptstadt, stehen; dieser Standort wäre ein Zeichen dafür, daß Deutschland auch diesen Teil seiner Geschichte angenommen hat und auch das Leid jener Deutschen anerkennt, die in ihrer Gesamtheit besonders schwer für die deutsche Schuld büßen mußten. Den Vertriebenen böte sich mit diesem Projekt die Möglichkeit, den bequem gewordenen, beim Blick in die Vergangenheit aber nicht immer völlig haltlos erscheinenden Verdacht zu entkräften, ihnen gehe es um die Vermeidung jeder Selbstkritik und die Konstruktion einer lupenreinen Opfergeschichte. Diese Befürchtungen begleiten auch die Debatte über das Projekt des „Zentrums gegen Vertreibungen“, seit es vorgestellt worden ist; sie zeigen uns, daß das Verhältnis zu den Vertriebenen und ihren Organisationen bei weitem noch nicht so entkrampft ist, wie es den Anschein haben mochte. Tatsächlich befindet sich der breite gesellschaftliche Diskurs mit ihnen noch im Anfangsstadium. Es ist gut, daß das „Zentrum gegen Vertreibungen“ Gegenstand einer kritischen Diskussion ist; so beginnt es seinen Zweck zu erfüllen, noch bevor es seine Pforten geöffnet hat.

Dem Namensgeber des heute verliehenen Preises, Franz Werfel,  ist es mit seinem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ gelungen, den Vertreibungs-Völkermord an den Armeniern dem, wie er in der Einführung schreibt, „Totenreich alles Geschehenen“ zu entreißen. Auch die Nationalsozialisten, die Werfels Bücher verbrannten, und vor denen er fliehen mußte, konnten das auf Dauer nicht verhindern.

Im 21. Jahrhundert ist die gesellschaftliche Erinnerung nicht mehr nur auf literarische Zeugnisse angewiesen. Eine mindestens ebenso gewichtige Rolle spielt inzwischen die TV-Dokumentation, die ebenfalls in der Lage ist, eine nationale Debatte zu speisen, wie das Beispiel der Serie über Flucht und Vertreibung im Zweiten Deutschen Fernsehen zeigte. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn es nicht ein starkes gesellschaftliches Bedürfnis gegeben hätte, sich auch mit diesem Kapitel deutscher Geschichte auseinanderzusetzen. Die Tür dazu ist aufgestoßen. Wir sind aufgefordert, sie nicht wieder zufallen zu lassen, wenn die Bilder aus dem Kosovo verblassen, die Novellen in unseren Regalen verstauben und die Behauptungen verhallen, nun sei ja alles glücklich enttabuisiert. Nötig ist dazu die Beharrlichkeit, die Courage und die Empathie der Menschen, die heute mit dem Franz-Werfel-Menschenrechtspreis ausgezeichnet worden sind; nötig ist der Mut, alte Urteile in Frage zu stellen; und nötig ist die Entschlossenheit, das Unrecht aller Vertreibungen aufzuzeigen, auf daß endlich ihren Anfängen gewehrt werde. Denn auch der Ungeist dieses Menschheitsverbrechens ist noch immer in der Welt.

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