Franz-Werfel-Menschenrechtspreis 2003

Dr. Mihran Dabag, der Leiter des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum

Sehr geehrte Mitglieder der Jury, liebe Mitpreisträger,
verehrte Ehrengäste,
verehrte Frau Steinbach, sehr geehrter Herr Glotz.
lieber Ralph Giordano,

meine Damen und Herren,

ich fühle mich sehr geehrt, zusammen mit den Initiatoren des »Kreuzes der Versöhnung«, den zum ersten Mal verliehenen Franz Werfel-Menschenrechtspreis zu erhalten – für den ich mich sehr herzlich bedanken möchte.

Er ist ein Preis, der zugleich Auszeichnung, Verpflichtung und Verantwortung bedeutet: ein Preis, der für mich aber auch sehr viel Nähe heißt.

Denn es gibt kaum einen Namen, der so beispielhaft für die Bewahrung der Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern steht, wie der Name von Franz Werfel.
Und es gibt nur wenige Werke, die den Opfern selbst eine eigene Stimme geben.

Den Opfern, den Überlebenden eine Stimme geben – aus der Türkei kommend, war Deutschland für mich immer ein Ort der Rettung. Die Chance, in Deutschland leben und studieren zu können, habe ich als eine Befreiung empfunden. Und doch führte mich diese Rettung erst recht untrennbar zurück in die Erinnerung.
Für die Kinder der Überlebenden gibt es keine Möglichkeit, sich von der Erinnerung loszusagen.

Der französische Philosoph Lyotard hat einmal geschrieben, daß die Tatsache des Todes allein nicht dazu geführt habe, »das Wir zu sprengen«.

Tatsächlich war die Geschichte der Armenier über Jahrhunderte eine Geschichte von Verfolgungen und Vertreibungen gewesen – aber sie war immer auch eine Geschichte der Hoffnung, wieder neu anfangen zu können.
Erst der Genozid durch die Jungtürken 1915/16 im Osmanischen Reich verursachte einen Bruch, der alles beenden sollte. Denn dort, wo sogar der Tod der Opfer vernichtet wurde, wo nicht einmal der Name der Opfer verschont blieb, wo der Tod selbst bis heute geleugnet wird, gibt es keine Identität des Vorher mehr.

Für die Überlebenden und ihre Nachkommen ist die Erinnerung nicht nur eine Verpflichtung, sondern der einzig mögliche Weg zur Rekonstruktion von Geschichte, Tradition und Identität.

Dies ist auch der Unterschied zwischen der Erinnerung der Überlebenden und dem Gedenken, das Staaten übernehmen, um den Sinn einer Geschichte festzuschreiben. Aber auch um den Weg zu ebnen für eine nächste Generation, die unbelastet von der Verantwortung aufwachsen soll.

Eine solche Entlastung kann es in Gemeinschaften der Opfer von Vertreibungen und Genozid nicht geben. Dort, wo nach dem alles beendenden Bruch keine Tradition mehr gültig ist, wird die Erinnerung selbst zur Geschichte, zur Tradition, zur Identität. Eine Erinnerung, eine Erinnerungsarbeit, die nie abgeschlossen sein kann.

Verehrte Anwesende,

es ist gerade diese Aufgabe der Erinnerung, zu der auch die Stiftung gegen Vertreibungen auffordern möchte.

Denn lange ist die getragene Erinnerung, die erzählte Geschichte der Vertreibung von Deutschen gegen Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in die Gesellschaft integriert worden. Lange hat sich die deutsche Gesellschaft dieser Erzählung nicht wirklich geöffnet – eine Rekonstruktion oder auch eine Korrektur dieser Erzählung war somit nicht möglich.

Aber auch in der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus klafft eine große Lücke zwischen der wahrgenommenen und der tatsächlich verankerten Erinnerung.
Die Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der Juden ist nämlich keine in den Familien erzählte, sie ist keine getragene Geschichte geworden. Sie ist nach wie vor eine gefährdete Geschichte.

Aus dieser Beobachtung heraus ist in bezug auf die Beschäftigung mit der Vertreibung der Deutschen nicht nur abzuleiten, daß sie eine Beschäftigung verdient. Sondern auch, daß sie eine eigenständige Beschäftigung verdient.

Bemerken möchte ich außerdem, daß die Ausweitung des Blicks auch auf andere Gewaltakte und Opfergruppen, [nämlich] jene »Europäisierung«, die als Aufgabe an das Zentrum gegen Vertreibungen gerichtet wird, sicherlich wichtig ist, um Netzwerke der Solidarisierungen aufzubauen. Um Kontextualisierungen zu ermöglichen. Um die Beschäftigung mit Gewalt, Vertreibung oder auch Völkermord überhaupt zu fördern.

Jedoch erzählen läßt sich die Geschichte der Gewalt im 20. Jahrhundert nicht wirklich über eine Universalisierung der Kategorien und ebensowenig über eine Ansammlung von Opfergruppen.

Insbesondere möchte ich mich gegen die Rede von dem Phänomen der Vertreibung wenden, das Europa im 20. Jahrhundert durchzogen habe. Vertreibung ist kein Phänomen, keine täterlose Gewalt, keine strukturlose, motivationslose Gewalt.

So subsumiert die Rede von Vertreibung unterschiedliche Formen: Sanktionsmaßnahmen, Flucht, sogenannte »Bevölkerungsverschiebungen«, schließlich auch Deportationen.Es handelt sich um Politikformen, die sehr spezifische Ziele, Motivationen, Strukturen und Institutionen aufzeigen.

Diese dürfen – so meine ich – in einem allgemeinen Blick auf Vertreibungen nicht eingeebnet werden.

Der Blick auf die allgemeinen  Gültigkeiten wird jedoch dort relevant, wo zum Beispiel die Vorgeschichten der Vertreibung zu erörtern sind, ganz in dem Sinne, wie Ralph Giordano soeben eingefordert hat.

So muß die Forschung über Politikformen der Vertreibung an der Hinterfragung normierter Einstellungen, an Legitimationen, an weltanschaulichen Zielen, an nationalen Modellen beginnen.

Dies war auch einer der Grundgedanken unserer eigenen Arbeit am Institut für Diaspora- und Genozidforschung.

Denn jeder Genozid ist historisch und sozial singular: die einzelnen Formen der jeweiligen Entrechtung, Verfolgung und Ermordung sind unterschiedlich.
Trotzdem bedeutet, über Genozid zu arbeiten, sowohl über die  spezifischen  Selbstbilder, Handlungsnormen und Ordnungsentwürfe moderner Gesellschaften zu arbeiten, als auch die  allgemeinen  Grundlagen von Nation, Gesellschaft oder Identität zu hinterfragen. Deshalb ist Genozidforschung Grundlagenforschung.

 

Meine Damen und Herren,

trotz dieser vielen offenen Forschungsfragen war es aber vor allem doch die Verantwortung vor der Verpflichtung des Überlebens, die mich gemeinsam mit Kristin Platt zum Aufbau des Instituts bewegt hat.

Mit diesen beiden Stichworten – Verpflichtung und Erinnerung – möchte ich meinen Wünschen an die Arbeit eines Zentrums gegen Vertreibungen  Ausdruck verleihen, nämlich daß es einen Raum gibt für das Erzählen von Erinnerungen. Mit diesen beiden Stichworten möchte ich aber auch noch einmal auf Franz Werfel zurückkommen.

Denn über diese andere Geschichte, über die Armenier zu schreiben, hieß für ihn nicht zuletzt, über die jüdische Geschichte zu schreiben.

Der Roman Die Vierzig Tage des Musa Dagh war ein Versuch,
eine Erzählung über eine erlittene, die Möglichkeiten der Erzählung sprengende Erfahrung zu formulieren.
Mit diesem Gedanken wurde der Roman vor dem Aufstand im Warschauer Ghetto im April 1943 gelesen, wie es Emmanuel Ringelblum, Hillel Seidman oder Marcel Reich-Ranicki berichteten.

Das besondere an Werfels Roman ist, daß er keine abgeschlossene Erzählung schrieb, sondern eine Geschichte, die weitererzählt werden wollte. Eben: Lebendige Erinnerung.
Die dem einzelnen Opfer seinen Namen ließ, vielmehr: seinen Namen zurückgab. Dies ist das Erbe Franz Werfels.

 

So möchte ich mir erlauben, die heutige Auszeichnung nicht nur als persönliche Auszeichnung zu verstehen, sondern auch als eine Bestätigung für unsere Arbeit im Institut für Diaspora- und Genozidforschung. Meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gebührt heute ein herzlicher Dank.

Dir, lieber Ralph, möchte ich an dieser Stelle besonders herzlich für Deine Worte danken. Du hast unsere Arbeit von Beginn an begleitet und ermutigt. Mit welchem Engagement Du mich, Du uns trägst, haben Deine Worte heute noch einmal gezeigt. Wir möchten Dich an unserer Seite nicht missen.

Damit lassen Sie mich zum Schluß dem  Zentrum gegen Vertreibungen  Erfolg wünschen.

Einen Ort zu schaffen für die Erinnerung und zugleich
die offene Auseinandersetzung mit Erinnerung, einen Ort der Aufarbeitung und der Dokumentation von Politikformen, die Vertreibungen ermöglichen und legitimieren, dies ist eine große Chance.

Und doch noch ein letztes, eigentlich sehr persönliches Wort:
Zum ersten Mal wird in Deutschland mit dem  Franz-Werfel-Menschenrechtspreis  ein Zeichen gesetzt für eine Geschichte, die unter so immenser politischer und wissenschaftlicher Verleugnung steht.
Dieser Preis ist ein Zeichen, der zur Anerkennung auffordert.
Daß ich mit meiner Arbeit einen Schritt beitragen durfte, einen Schritt, den Sie angenommen haben, den sie heute begleiten und weiterführen, erfüllt mich mit Dankbarkeit.
Denn hinter der wissenschaftlichen Beschäftigung, der Arbeit über kollektive Gewalt, Trauma, Erinnerung, stehen immer auch die Personen unserer Eltern. Ihr Überleben ist jenes Vermächtnis, dem Sie heute mit dieser Auszeichnung einen Platz zurück in der Geschichte geben.

Vielen Dank

Anmerkungen: 1 Lyotard, Jean-François: Der Widerstreit, München: Fink² 21989 (zuerst 1987), S. 173

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